In unserem November2025-Beitrag haben wir die neuen Standardvertragsklauseln für kommerzielle klinische Prüfungen mit Arzneimitteln vorgestellt. Diese gelten zunächst für alle neuen Prüferverträge in Industriestudien mit Arzneimitteln, also kommerziellen klinischen Prüfungen. Aussagen zu finanziellen Aspekten oder zu vergütungsfähigen Leistungen finden sich in den Standardvertragsklauseln jedoch nicht.

Gerade diese Punkte sind jedoch entscheidend für die wirtschaftliche Stabilität eines Prüfzentrums. Eine fehlerhafte oder unvollständige Kalkulation kann langfristig zu strukturellen Defiziten führen, selbst bei hoher Studienaktivität.

In diesem Beitrag analysieren wir verschiedene Strategien zur Kalkulation kommerzieller klinischer Prüfungen mit Industriesponsoren, zeigen deren Vor- und Nachteile auf und geben Ihnen eine Orientierung für die praktische Umsetzung.

Bei klinischen Studien aus akademischen bzw. wissenschaftlichen Interesse stehen die finanziellen Aspekte häufig nicht im Vordergrund, so dass bei diesen Studien anders kalkuliert werden kann.

Bitte beachten Sie: Dieser Beitrag stellt keine rechtliche oder betriebswirtschaftliche Beratung dar.

Grundsätzliche Rahmenbedingungen der Kalkulation

Bevor wir einzelne Strategien betrachten, sollten einige Prinzipien klar sein:

Nach erfolgreich durchgeführter Feasibility-Phase stellt sich für ein Prüfzentrum die entscheidende Frage: Wie kalkulieren wir das Projekt wirtschaftlich sinnvoll?

Vier Strategien der Kalkulation

1. Akzeptanz des Sponsorangebots

Die einfachste Variante besteht darin, das Angebot des Sponsors oder der CRO zu akzeptieren, gegebenenfalls mit geringfügiger Nachverhandlung.

Diese Strategie ist insbesondere bei kleineren, niedergelassenen Prüfzentren verbreitet, die einfache Studien durchführen oder über begrenzte personelle Ressourcen verfügen.

Vorteile

Nachteile

Einordnung

Diese Variante kann sinnvoll sein, wenn Sie Studienerfahrung aufbauen oder Marktzugang schaffen möchten. Langfristig ersetzt sie jedoch keine strukturierte Kostenanalyse.

2. Einfache Kostenkalkulation (variable Kosten)

Mit zunehmender Erfahrung entscheiden sich viele Prüfzentren für eine Kostenabschätzung anhand der geforderten Prüfungsleistungen. Die einzelnen Visit-Leistungen werden bewertet, beispielsweise orientiert an GOÄ-Sätzen. Fixkosten für die erforderliche Infrastruktur, Overhead- und Verwaltungskosten sowie allgemeine Kosten zur Aufrechterhaltung des Prüfzentrums werden pauschal berücksichtigt.

Vorteile

Nachteile

Einordnung

Auch bei dieser Variante besteht weiterhin das Risiko einer nicht vollständigen Kostendeckung. Dennoch ermöglicht eine kontinuierlich gepflegte Leistungs- und Kostenaufstellung einen zunehmend belastbaren Überblick über die wirtschaftliche Umsetzbarkeit einzelner Studienprojekte. Mit wachsender Erfahrung entsteht eine interne Referenzbasis, auf deren Grundlage neue Projekte schneller und fundierter bewertet werden können.

Voraussetzung dafür ist jedoch eine geeignete Softwarelösung, die eine strukturierte und effiziente Kalkulation erlaubt. Ohne entsprechende Unterstützung steigt der administrative Aufwand erheblich.

Im Hinblick auf das Aufwand-Nutzen-Verhältnis ist diese Strategie insbesondere für niedergelassene Prüfzentren geeignet, die keine zusätzlichen externen Leistungserbringer (z. B. Apotheke, lokales Labor, Konsiliarärzte) einbinden müssen und keine umfangreichen Rekrutierungsmaßnahmen (z. B. Anzeigenschaltung, Werbemittel) planen. In solchen Konstellationen lässt sich mit überschaubarem Aufwand eine solide wirtschaftliche Bewertung erreichen.

Sollte sich die Struktur des Prüfzentrums oder die Komplexität der Studienprojekte verändern, kann diese Kalkulationsstrategie schrittweise erweitert werden.

3. Erweiterte Kostenkalkulation (variable und fixe Kosten)

Hier werden neben den visitenbezogenen Leistungen auch sämtliche Fixkosten und indirekten Kosten, wie die erforderliche Infrastruktur, Overhead- und Verwaltungskosten sowie allgemeine Kosten zur Aufrechterhaltung des Prüfzentrums systematisch einbezogen.

Berücksichtigt werden unter anderem:

Ein besonders kritischer Punkt kann ein nicht vergüteter Vorbereitungsaufwand sein oder wenn dieser nur Teil der Studienvisiten-Honorierung ist. Wird ein Projekt nicht genehmigt oder frühzeitig beendet, bleiben diese Kosten häufig beim Prüfzentrum. Die Vereinbarung einer kostendeckenden Start-up-Fee ist daher dringend zu empfehlen.

Einordnung

Für Klinikzentren sollte diese Variante Standard sein. Nur so lässt sich eine realistische Kostenbetrachtung inklusive Fixkosten für Personal und Infrastruktur, externer Kosten für z. B. Apotheke, Verwaltung und Archiv sowie visitenbasierter Kosten wie z. B. Vorbereitung, klinisches Monitoring, Audits erreichen. Die meisten dieser Kosten können einmalig oder in größeren Intervallen ermittelt und projektunabhängig angesetzt werden.

Niedergelassene Zentren sollten prüfen, ob dieser zusätzliche Aufwand in einem sinnvollen Verhältnis zum Studienvolumen steht.

4. Vollständige Kostenkalkulation auf Basis realer Ressourcen

Die umfassendste Strategie basiert nicht auf Schätzungen oder Referenzwerten, sondern auf einer exakten Erfassung des tatsächlichen Zeit- und Personalbedarfs jeder einzelnen Leistung.

Diese Methode erfordert:

Manuelle Excel-Lösungen sind hier meist fehleranfällig, langfristig ineffizient und daher nicht zu empfehlen.

Diese Strategie eignet sich vor allem für hochprofessionalisierte Prüfzentren mit hohem Studienvolumen und starker Marktposition, die Leistungen nicht pauschal, sondern detailliert abrechnen.

Strategische Bewertung: Welche Variante passt zu Ihrem Prüfzentrum?

Die Wahl der Kalkulationsstrategie hängt ab von:

Ein häufiger Fehler besteht darin, ohne transparente Kostenstruktur zahlreiche Studienprojekte anzunehmen – in der Annahme, dass hohe Fallzahlen automatisch wirtschaftlichen Erfolg bedeuten. Das ist nicht zwangsläufig der Fall.

Fazit: Wirtschaftlichkeit ist planbar

Ein langfristig erfolgreiches Prüfzentrum benötigt Transparenz über seine Kosten- und Leistungsstruktur. Diese Transparenz bildet zugleich die Grundlage für belastbare SOPs, Qualitätsmanagement und verlässliches Investigator Oversight.

Eine vollständige Kalkulation verursacht Aufwand – personell, organisatorisch und finanziell. Eine geeignete Softwarelösung ist in den meisten Fällen sinnvoll.

Bitte beachten Sie, dass bei Zuhilfenahme von KI-Lösungen der Datenschutz und Vertraulichkeitsvereinbarungen einzuhalten sind.

Ob man nun mit den tatsächlichen Kosten oder Annäherungen arbeitet, hängt von der jeweiligen Situation ab. Jede der genannten Strategien hat ihre Vor- und Nachteile und es ist sicher ein guter Weg mit einer einfachen Lösung zu beginnen und diese schrittweise zu erweitern.


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